Kapitel Achtundzwanzig

1

Reggie Stewart saß in seiner bescheidenen Wohnung und starrte auf die Listen, die auf dem Küchentisch ausgebreitet waren. Stewart war nicht zufrieden mit dem, was er tat. Er war ein hervorragender Privatdetektiv, aber das Überprüfen von Hunderten von Namen in Dutzenden von Listen erforderte mehr Leute und hätte wesentlich effektiver vom FBI oder der Polizei durchgeführt werden können.

Stewart machte sich außerdem Sorgen darüber, weil er das Gesetz brach. Er kannte den Namen von Kathys Entführer und hielt diese Information zurück. Wenn Kathy starb, würde er sich immer fragen, ob die Polizei sie nicht hätte retten können. Stewart respektierte und mochte Betsy, aber in diesem Fall konnte sie einfach nicht klar denken. Zwar verstand er ihre Besorgnis über die Art, wie die Polizei und das FBI vielleicht vorgehen würden, aber er war nicht ihrer Meinung. Er hatte sich schon halb dazu durchgerungen, zu Alan Page zu gehen, wenn nicht bald etwas bei seinen Untersuchungen herauskäme.

Stewart nahm einen Schluck Kaffee und vertiefte sich wieder in die Arbeit. Die Listen kamen von Immobilienmaklern, Versorgungsunternehmen und Telefongesellschaften. Für einige hatte er bezahlen müssen, aber der Preis war ihm egal gewesen. Bis jetzt gab es keine Hinweise auf Samantha Reardon oder Nora Sloane, doch Stewart war vorher klar gewesen, dass es nicht so einfach werden würde.

Beim zweiten Durchsehen der Liste von Telefonanträgen verharrte er bei dem Namen Dr. Samuel Felix. Samantha Reardons erster Mann hieß Max Felix. Stewart verglich das mit den anderen Listen und stieß auf eine Mrs. Samuel Felix, die in der Woche, als Oberhurst aus Hunters Point zurückgekehrt war, in Washington County ein Haus gemietet hatte. Sobald Pangborn Immobilien ihr Büro geöffnet hatten, rief Stewart dort an. Die Maklerin, die den Handel abgeschlossen hatte, erinnerte sich an Mrs. Felix. Sie sei eine athletische Frau mit kurzem braunem Haar gewesen. Eine nette Frau, die ihr gestanden habe, dass sie nicht ganz glücklich war, aus dem Staat New York, wo ihr Mann als Neurochirurg arbeitete, hierher zu ziehen.

Stewart rief Betsy an. Von Ann erfuhr er, dass sie wegen des Falles Darius auf dem Weg zum Gericht sei. Stewart erkannte sofort, welche Gelegenheit sich ihm hier bot. Samantha Reardon war bei allen Auftritten von Darius vor Gericht dabei gewesen. Wahrscheinlich war sie auch diesmal dort, und Kathy war allein.

Das Haus stand am Ende eines Feldwegs. Es war weiß gestrichen, hatte eine Veranda und eine Wetterfahne auf dem Dach. Ein schönes Haus, von dem man am wenigsten vermuten konnte, welches Leid es beherbergte. Reggie Stewart schlich im Wald um das Haus herum. Im Vorgarten bemerkte er Reifenspuren, aber es stand kein Wagen dort. Das Tor der kleinen Garage war offen; die Garage war leer. Die Vorhänge der meisten Fenster waren zugezogen, nur die vom Vorderfenster waren offen. Drinnen brannte kein Licht. Stewart beobachtete zwanzig Minuten lang das vordere Zimmer, ohne dass er eine Bewegung feststellen konnte.

Wenn Samantha dieses Haus gemietet hatte, jetzt war sie jedenfalls nicht da.

Stewart hetzte über den Hof und duckte sich in einen Betonabgang neben dem Haus. Sechs Stufen führten zu einer Kellertreppe hinunter. Die Kellerfenster waren schwarz gestrichen. Wenn Samantha Darius in allem kopierte, dann musste Kathy im Keller sein. Die gestrichenen Fenster bestätigten das.

Stewart rüttelte an der Kellertür. Sie war abgeschlossen. Das Schloss sah nicht besonders stabil aus, und Stewart war überzeugt, dass er die Tür eintreten konnte. Er ging zwei Stufen zurück und stemmte seine Arme gegen die Betonwände. Dann holte er aus und trat mit dem Fuß gegen die Tür. Das Holz splitterte, und die Tür gab etwas nach. Stewart holte ein weiteres Mal aus und trat mit dem Fuß gegen den schon beschädigten Teil der Tür. Mit einem lauten Krachen sprang sie auf.

Im Keller herrschte völliges Dunkel, und Stewart konnte nur so weit sehen, wie das Sonnenlicht reichte. Er glitt hinein. Abgestandene Luft und ein fauliger Geruch empfingen ihn. Stewart zog eine Taschenlampe aus seiner Jackentasche und ließ den Strahl durch den Raum wandern. An der Wand rechts neben ihm standen selbstgebastelte Regale aus ungestrichenen Brettern, auf denen ein paar Schläuche, zerbrochene Einmachgläser und abgenutzte Gartengeräte lagen. Ein Schlitten, ein paar beschädigte Möbelstücke und einige Liegestühle waren in der Mitte des Raumes aufgestapelt. Der Geruch schien aus einer der Tür gegenüberliegenden Ecke zu kommen, wo die Dunkelheit am dichtesten war. Vorsichtig an den aufgestapelten Sachen vorbeischleichend und dabei wachsam auf jedes Geräusch lauschend, durchquerte Stewart den Keller.

Der Lichtstrahl seiner Taschenlampe fiel auf einen offenen Schlafsack. Stewart kniete sich hin und sah an der Stelle, wo sich normalerweise der Kopf befand, eingetrocknetes Blut, dann bemerkte er den strengen Geruch von Urin und Fäkalien. Ein weiterer offener Schlafsack lag ein Stück weiter in der Dunkelheit. Stewart war auf dem Weg dorthin, als der den dritten Schlafsack und den Körper darauf sah.

2

In der Nacht vor der Kautionsanhörung war Betsy in Gedanken so mit Kathy beschäftigt, dass sie Martin Darius ganz vergessen hatte. Jetzt dachte sie nur an ihn. Samantha Reardon zwang Betsy dazu, sich zwischen Kathys Leben und dem Leben eines Mannes zu entscheiden, der nicht verdient hatte zu leben. Die Entscheidung war klar, aber sie fiel ihr nicht leicht. So krank und schlecht Darius auch war, er war doch immerhin noch ein menschliches Wesen. Sie machte sich keine Illusionen über das, was passieren würde, wenn sie Samantha Reardon in das Geschworenenzimmer ließ. Wenn Martin Darius starb, wäre das in ihrem Fall Beihilfe zum Mord.

Sowie Betsy aus dem Aufzug trat, wurde sie von Zeitungsund Fernsehreportern umlagert. Sie wandte den Kopf ab, um den hellen Scheinwerfern und den Mikrofonen der Fernsehleute zu entgehen, und eilte den Korridor zu Richter Norwoods Gerichtssaal hinunter. Die Reporter stellten immer wieder die gleichen Fragen über Ricks Ermordung und Kathys Verschwinden. Betsy beantwortete keine einzige.

Betsy sah Samantha Reardon sofort, als sie den überfüllten Gerichtssaal betrat. Sie ging schnell an ihr vorbei und lief den Gang hinunter zu ihrem Platz. Darius war schon da. Zwei Wachbeamte saßen direkt hinter ihm, einige andere waren im Saal verteilt.

Alan Page legte seine Akten auf den Tisch, als Betsy sich durch die Zuschauer drängte. Er bemerkte sie, als sie durch die Absperrung des Gerichtssaals trat.

»Sind Sie sicher, dass Sie die Sache heute hier durchziehen wollen?«

Betsy nickte.

»In Ordnung, vorher müssen wir etwas mit Richter Norwood besprechen. Ich habe ihm gesagt, dass wir, bevor die Verhandlung beginnt, in seinem Zimmer mit ihm reden wollen.«

Betsy war verwirrt. »Brauchen wir Darius dazu?«

»Nein. Das geht nur Sie, mich und Richter Norwood etwas an. Auch Randy kommt nicht.«

»Ich verstehe nicht.«

Page beugte sich nah zu Betsy und flüsterte: »Ich weiß, dass Senator Colby Darius Straffreiheit gewährt hat. Der Senator hat seinen Assistenten hergeschickt, um mit mir zu sprechen.«

»Wayne Turner?«

Page nickte. »Sie wissen, wie sich das auf die Nominierung des Senators auswirken wird, wenn von diesem Abkommen etwas an die Öffentlichkeit dringt. Kommen Sie jetzt mit ins Zimmer des Richters, oder bestehen Sie darauf, dass wir es öffentlich bekanntgeben?«

Betsy dachte schnell über die Situation nach. Darius beobachtete sie.

»Ich muss Darius Bescheid sagen. Ich kann ohne seine Zustimmung nichts machen.«

»Können Sie warten, bis wir mit Norwood gesprochen haben?“

»In Ordnung.«

Page ging an seinen Tisch zurück, und Betsy setzte sich neben Darius.

»Was war da los?«

»Page will, dass ich mich mit ihm und dem Richter in dessen Zimmer treffe.«

»Wozu?«

»Er hat ein Geheimnis daraus gemacht.«

»Ich will nicht, dass etwas hinter meinem Rücken geschieht.«

»Überlassen Sie das mir, Martin!«

Darius stutzte für einen Moment. Dann meinte er: »In Ordnung, ich vertraue Ihnen. Bis jetzt haben Sie mich ja noch nicht im Stich gelassen.«

Betsy wollte aufstehen, doch Darius legte ihr seine Hand auf den Arm.

»Ich habe das von Ihrem Mann und Ihrer Tochter gehört. Es tut mir leid.«

»Danke, Martin«, gab Betsy kalt zurück.

»Ich meine es ernst. Ich weiß, wie Sie von mir denken, aber auch ich habe Gefühle, und ich respektiere Sie.«

Betsy wusste nicht, was sie dazu sagen sollte. In weniger als einer Stunde würde sie Schuld am Tod des Mannes sein, der ihr hier sein Mitgefühl aussprach.

»Hören Sie, wenn der Entführer Geld will, ich kann Ihnen helfen«, bot sich Darius an. »Was immer er will, ich trete dafür ein.«

Betsy fühlte, wie sich ihr Herz zusammenzog. Sie brachte es fertig, Darius zu danken, und ging dann davon.

Richter Norwood stand, als Betsy sein Zimmer betrat. Er sah betroffen aus.

»Setzen Sie sich, Mrs. Tanenbaum. Kann ich Ihnen etwas anbieten?«

»Nein, danke, Richter.«

»Wissen Sie etwas Neues von Mrs. Tanenbaums Tochter, AI?«

»Nein.“

Norwood schüttelte den Kopf. »Es tut mir schrecklich leid. Sagen Sie Ihren Leuten, dass sie uns ruhig unterbrechen können, wenn sie Neuigkeiten haben.«

»Das werde ich.«

Der Richter wandte sich an Betsy.

»Und wenn Sie eine Verhandlungspause wünschen, weil Sie sich nicht wohl fühlen, dann sagen Sie es mir. Ich werde die Verhandlung auf meine Art durchführen, so dass Ihr Klient nicht vorverurteilt wird.«

»Danke, Richter. Sie sind alle so verständnisvoll. Aber ich will die Anhörung hinter mich bringen. Mr. Darius ist jetzt schon seit einigen Tagen im Gefängnis, und er muss endlich erfahren, ob er freigelassen wird.«

»Sehr richtig. Und nun, AI, sagen Sie mir, warum Sie dieses Treffen haben wollten?«

»Betsy und ich verfügen über Informationen von den Vorkommnissen in Hunters Point, die nur sehr wenige Personen haben. Eine davon ist Senator Raymond Colby.«

»Der vom Präsidenten vorgeschlagene Kandidat für den Supreme Court?« fragte Norwood ungläubig.

Page nickte. »Als die Morde in Hunters Point geschahen, war er Gouverneur von New York. Was er weiß, kann ihre Entscheidung über eine Kaution beeinflussen, aber es würde die Chancen, dass Senator Colby berufen wird, zunichtemachen.«

»Ich verstehe nicht. Wollen Sie damit andeuten, dass Senator Colby etwas mit den Morden in Hunters Point zu tun hat?«

»Ja, Sir«, bestätigte Page.

»Und Sie bestätigen das, Mrs. Tanenbaum?«

»Ja.«

»Was für Informationen sind das?«

»Bevor Ihnen Mr. Page das sagt«, hob Betsy an, »möchte ich Einspruch dagegen erheben, dass Sie sich irgendetwas davon anhören. Wenn diese Informationen in irgendeiner Weise gegen Mr. Darius verwendet werden, dann verstoßen Sie gegen die Verfassung der Vereinigten Staaten und gegen ein Abkommen zwischen Mr. Darius, dem Staat New York und der Bundesregierung. Ich denke, wir sollten diese Angelegenheit genauer besprechen, bevor Sie sich das anhören.“

»Ein Abkommen, das Darius mit diesen Stellen geschlossen hat, hat für Oregon keine Bedeutung«, warf Page ein.

»Das denke ich doch.«

»Sie beide sind mir weit voraus. Von welcher Art Abkommen sprechen wir hier?«

»Ein Abkommen über Straffreiheit«, erklärte Page. »Colby, der damals Gouverneur von New York war, gewährte Darius Straffreiheit.«

»Für was?«

»Ich würde vorziehen, wenn der Inhalt des Abkommens erst dann preisgegeben wird, wenn Sie die grundlegende Frage der Zulässigkeit entschieden haben«, führ Betsy dazwischen.

»Das wird ja immer komplizierter«, meinte Norwood. »Mrs. Tanenbaum, wollen wir Mr. Darius nicht wieder ins Gefängnis bringen lassen? Es ist ganz offensichtlich, dass dies hier einige Zeit beanspruchen wird.«

Betsys Magen verkrampfte sich. Sie hatte das Gefühl, zusammenbrechen zu müssen.

»Ich würde gern mit Mr. Darius unter vier Augen sprechen. Kann ich das Geschworenenzimmer benutzen?«

»Natürlich.«

Betsy verließ das Zimmer des Richters. Sie fühlte sich wie auf Wolken, als sie den Wachbeamten mitteilte, dass sie sich mit Darius im Geschworenenzimmer besprechen wolle. Einer der Beamten ging in das Zimmer des Richters, um sich die Sache von Norwood bestätigen zu lassen. Eine Minute später kam er wieder heraus und führte Darius in den besagten Raum. Betsy warf einen Blick auf die Zuschauer und sah, wie Samantha Reardon den Saal verließ.

Der Wachbeamte stellte sich draußen vor die Tür zum Gerichtssaal. Ein weiterer war vor der Tür zum Korridor platziert. Betsy zog sie hinter sich zu und schloss ab. In der Mitte des großen Raumes befand sich ein Tisch, an dem zwölf Stühle Platz hatten. In der einen Ecke des Raumes führte eine Tür in eine enge Toilette, an der einen Wand befand sich ein Spülbecken sowie eine Anrichte, in der sich Plastiktassen und Teller befanden. An der anderen Wand hing eine Pinnwand mit Ankündigungen und Zeichnungen über Richter und Geschworene.

Darius setzte sich an das eine Ende des Tisches. Ertrug immer noch die Kleider, in denen er verhaftet worden war. Die Hose und das Hemd waren verknittert. Er trug keine Krawatte, und seine Füße steckten in Gefängnissandalen.

Betsy stand an der Tischkante und versuchte, nicht zu der Tür, die auf den Korridor führte, zu blicken.

»Was ist los?« wollte Darius wissen.

»Page weiß von dem Abkommen. Colby hat es ihm erzählt.«

»Dieser Scheißkerl.«

»Page will, dass der Richter Colbys Aussage unter Ausschluss der Öffentlichkeit anhört, so dass die Chancen, dass der Senator zum Obersten Richter ernannt wird, nicht beeinflusst werden.«

»Scheiß drauf! Wenn er mich hereinlegen will, dann mache ich ihn kaputt. Sie können dieses Abkommen sowieso nicht benutzen, oder?«

»Das weiß ich nicht. Das ist eine sehr komplizierte Angelegenheit.«

An der Tür zum Korridor wurde geklopft. Darius bemerkte, wie Betsys Kopf herumflog.

»Erwarten Sie jemanden?« fragte Darius misstrauisch.

Ohne zu antworten, öffnete Betsy die Tür. Samantha Reardon stand hinter dem Wachbeamten. In der Hand hielt sie eine schwarze Einkaufstasche.

»Diese Dame hier behauptet, sie würde von Ihnen erwartet«, sagte der Beamte.

»Das stimmt«, bestätigte Betsy.

Darius stand auf. Er starrte Samantha Reardon an. Seine Augen weiteten sich. Samantha schaute ihm direkt in die Augen.

»Nein...«, setzte Darius an. Samantha schoss dem Wachbeamten in die Schläfe. Sein Kopf zerbarst, Blut und Knochenteile spritzten dabei über ihren Regenmantel. Betsy war wie erstarrt. Der Beamte fiel zu Boden. Samantha stieß Betsy zur Seite, warf die Tasche weg und verschloss die Tür.

»Hinsetzen!« befahl sie und deutete mit der Waffe auf Darius. Er machte ein paar Schritte zurück und setzte sich auf einen Stuhl am anderen Ende des Tisches. Samantha wandte sich an Betsy.

»Nehmen Sie sich einen Stuhl, und setzen Sie sich ans andere Ende des Tisches, weg von Darius! Legen Sie ihre Hände auf den Tisch! Wenn Sie eine Bewegung machen, dann stirbt Kathy.«

Darius starrte Betsy an. »Haben Sie das eingefädelt?«

»Halt's Maul, Martin!« schrie Samantha mit weit aufgerissenen Augen. Sie machte den Eindruck einer Verrückten. »Hunde sprechen nicht. Wenn du einen Ton von dir gibst, ohne dazu aufgefordert zu sein, dann wirst du Schmerzen ertragen müssen, die du dir jetzt noch nicht vorstellen kannst.«

Darius hielt den Mund, seine Augen starr auf Samantha gerichtet.

»Du hast mich in puncto Schmerzen zu einer Expertin gemacht. Gleich wirst du sehen, wie gut ich gelernt habe. Der einzige Nachteil ist: Hier ist keine so private Atmosphäre, wie du sie mit mir hattest. Diese Tage, an denen ich vor dir um Schmerzen betteln musste. Ich erinnere mich an jede Minute, die wir zusammen verbrachten. Wenn wir Zeit hätten, würde ich dich jede einzelne davon wiedererleben lassen.«

Samantha hob die Tasche auf und stellte sie auf den Tisch.

»Ich möchte dich etwas fragen, Martin. Es ist eine ganz einfache Frage. Es sollte dir keine Schwierigkeiten bereiten, sie zu beantworten. Du hast die Erlaubnis zu antworten, wenn du kannst. Wenn man die Zeit bedenkt, die wir zusammen verbrachten, ist es eine Kleinigkeit. Wie heiße ich?«

Jemand donnerte an die Tür. »Aufmachen. Polizei!«

Samantha drehte sich halb zur Tür, ohne Darius aus den Augen zu lassen.

»Hauen Sie ab, oder ich bringe alle hier drin um! Ich habe Betsy Tanenbaum und Martin Darius in meiner Gewalt. Wenn ich jemanden an der Tür höre, dann sterben sie. Das ist mein völliger Ernst.«

Von der Tür zum Gerichtssaal kam ein Kratzen. Samantha feuerte einen Schuss durch den oberen Teil der Tür. Betsy hörte Schreie.

»Haut von den Türen ab, oder alle sterben!« brüllte Samantha Reardon.

»Wir ziehen uns zurück!« rief jemand im Korridor.

Samantha richtete die Waffe auf Betsy. »Reden Sie mit ihnen. Erzählen Sie denen von Kathy. Sagen Sie ihnen, dass sie sterben wird, wenn sie versuchen, hier hereinzukommen. Sagen Sie ihnen, dass Sie in Sicherheit sind, solange sie das machen, was ich sage.«

Betsy zitterte.

»Kann ich aufstehen?« brachte sie hervor.

Samantha nickte, und Betsy ging zur Tür in den Gerichtssaal.

»Alan!« rief sie und kämpfte darum, ihre Stimme fest klingen zu lassen.

»Sind Sie in Ordnung?« rief Page zurück.

»Bitte, halten Sie jeden von hier weg. Die Frau hier drinnen ist eine derjenigen, die Darius in Hunters Point entführt hat. Sie hat Kathy irgendwo versteckt und gibt ihr nichts zu essen. Wenn Sie sie festnehmen, dann wird sie nicht sagen, wo Kathy ist, und Kathy wird verhungern. Bitte lassen Sie niemanden hierher.«

»In Ordnung. Machen Sie sich keine Sorgen.«

»Auch im Korridor!« kommandierte Samantha.

»Sie will auch alle Leute von der Tür zum Korridor weg haben. Bitte! Tun Sie, was sie verlangt! Sie wird nicht zögern, uns umzubringen.«

Samantha Reardon wandte ihre Aufmerksamkeit wieder Darius zu.

»Du hast Zeit zum Nachdenken gehabt. Beantworte die Frage, wenn du kannst. Wie heiße ich?«

Darius schüttelte den Kopf, und Samantha lächelte auf eine Art, die Betsy erstarren ließ.

»Ich wusste, dass du es nicht wissen würdest, Martin. Für dich waren wir nie Menschen. Wir waren Fleisch, Figuren aus deiner Phantasie.«

Betsy hörte, wie sich im Gerichtssaal und im Korridor Menschen bewegten. Samantha öffnete die Tasche und nahm eine Spritze heraus. Betsy konnte chirurgische Instrumente in der Tasche erkennen.

»Mein Name ist Samantha Reardon, Martin. Wenn ich mit dir fertig bin, dann wirst du dich erinnern. Ich werde dir noch etwas von mir erzählen. Bevor du mich entführt und mein Leben ruiniert hast, war ich OP-Schwester. OP-Schwestern wissen, wie man verletzte Körper behandelt. Sie sehen, wie Teile des Körpers verschoben und verdreht sind und kriegen mit, was der Arzt macht, um die Schmerzen zu lindern. Verstehst du, warum dieses Wissen für einen Menschen wichtig sein kann, der Schmerzen bereiten will?«

Darius machte nicht den Fehler zu antworten. Samantha lächelte.

»Sehr gut, Martin. Du lernst schnell. Du hast nichts gesagt. Natürlich nicht, du hast dieses Spiel ja erfunden. Ich weiß noch, was passiert ist, als du mich zum ersten Mal etwas gefragt hast, nachdem du mir gesagt hattest, dass Hunde nicht sprechen. Ich war dumm genug zu antworten. Es tut mir leid, dass ich keinen Ochsenziemer zur Hand habe, Martin. Der Schmerz, den er bereitet, ist exquisit.«

Samantha legte ein Skalpell auf den Tisch. Betsy wurde übel, sie rang nach Luft. Samantha ignorierte sie völlig. Sie ging am Tisch entlang zu Darius.

»Ich muss anfangen. Ich darf nicht darauf vertrauen, dass diese Dummköpfe ewig abwarten. Nach einer gewisser Zeit werden sie etwas Dummes versuchen.

Du denkst vielleicht, dass ich dich töten will. Da liegst du falsch. Der Tod ist ein Geschenk, Martin. Er bedeutet das Ende des Leidens. Ich möchte, dass du solange wie möglich leidest. Ich möchte, dass du den Rest deines Lebens leidest.

Zuerst werde ich dir in beide Knie schießen. Die Schmerzen dieser Verletzung werden exorbitant sein, und sie werden dich soweit zum Krüppel machen, dass du keine Gefahr mehr für mich bist. Dann werde ich deine Schmerzen durch ein Betäubungsmittel dämpfen.«

Samantha hielt die Spritze hoch.

»Wenn du ohne Bewusstsein bist, werde ich dich operieren. Ich werde an deinem Rückgrat, den Muskeln und den Sehnen, mit denen du Arme und Beine bewegst, arbeiten. Wenn du aufwachst, kannst du dich nicht mehr bewegen. Aber das ist noch nicht alles, Martin. Das Schlimmste kommt noch.«

Ein verzückter Glanz zog über Samanthas Gesicht.

»Ich werde dir auch die Augen ausstechen, damit du nichts mehr sehen kannst. Ich werde dir die Zunge herausschneiden, damit du nicht mehr sprechen kannst. Ich werde dich taub machen. Das einzige, was gesund bleiben wird, ist dein Gehirn.«

Stell dir deine Zukunft vor, Martin. Du bist relativ jung und in guter Verfassung. Ein gesundes Exemplar Mann. Mit einigen Hilfen wirst du noch dreißig, vierzig Jahre leben können, eingeschlossen in der ewigen Dunkelheit deines Kopfes.

Weißt du, warum man die Gefängnisse auch Besserungsanstalten nennt?

Darius antwortete nicht Samantha kicherte.

»Ich kann dich nicht überlisten, stimmt's? Es ist ein Ort der Buße. Ein Ort, errichtet für die, die über ihre Sünden nachdenken sollen. Dein Kopf wird deine Besserungsanstalt sein, und du wirst für den Rest deines Lebens darin eingesperrt sein.«

Samantha baute sich vor Darius auf und zielte auf sein rechtes Knie.

»Sie da drin! Ich bin William Tobias, der Polizeichef. Ich will mit Ihnen reden.«

Samantha drehte den Kopf, in diesem Augenblick bewegte sich Darius mit unglaublicher Geschwindigkeit. Sein linker Fuß schoss hoch und traf Samanthas Handgelenk. Die Waffe flog über den Tisch. Betsy sah sie auf sich zukommen, während Samantha Reardon zurückstolperte.

Betsys Hand schloss sich um die Waffe, während Darius nach Samanthas Handgelenk griff, um ihr die Spritze zu entwinden. Samantha holte mit dem Fuß aus und trat Darius gegen das Schienbein. Mit den Fingern ihrer freien Hand stach sie nach Darius' Augen. Darius wich aus, der Stoß traf ihn an der Wange. Samantha sprang vor und schlug ihre Zähne in seinen Hals. Er schrie auf. Sie knallten gegen die Wand, wobei Darius die Hand, in der sie die Spritze hielt, fest umklammerte. Mit der freien Hand griff er nach Samanthas Haaren und versuchte sie wegzuziehen. Betsy bemerkte, wie Darius bleich vor Schmerz wurde. Samantha versuchte verzweifelt, die Hand mit der Spritze freizubekommen. Darius ließ ihr Haar los und schlug ihr mit der Faust einige Male gegen den Kopf. Ihr Griff lockerte sich, und Darius kam frei. Sein Hals war aufgerissen und blutüberströmt. Darius griff wieder Samanthas Haar, hielt ihren Kopf vor sich und schlug mit seiner Stirn gegen ihre Nase. Sie verlor das Bewusstsein und brach zusammen. Darius drehte ihr Handgelenk um, und die Spritze fiel zu Boden. Dann trat er hinter Samantha und legte ihr einen Arm um den Hals.

»Nein!« schrie Betsy. »Bringen Sie sie nicht um. Sie ist die einzige, die weiß, wo Kathy ist.«

Darius hielt inne. Samantha war bewusstlos. Er hielt sie hoch, so dass nur noch ihre Zehen den Boden berührten. Sein fester Griff drückte ihr die Luft ab.

»Bitte, Martin!« bettelte Betsy.

»Warum sollte ich Ihnen helfen?« schrie Darius. »Sie haben mich hereingelegt!«

»Das musste ich. Sie hätte Kathy sonst umgebracht.«

»Dann wird Kathys Tod die richtige Strafe für Sie sein.«

»Bitte, Martin!« bettelte Betsy wieder. »Sie ist doch meine kleine Tochter.«

»Daran hätten Sie denken sollen, als Sie mich in die Scheiße zogen«, sagte Darius und verstärkte seinen Griff.

Betsy hob die Waffe und zielte auf ihn.

»Martin, ich erschieße Sie, wenn Sie sie nicht loslassen. Das schwöre ich. Ich schieße, bis keine Kugel mehr im Lauf ist.«

Darius blickte über Samanthas Schulter. Sie sahen sich fest in die Augen. Er versuchte, die Lage abzuwägen, dann lockerte er seinen Griff, und Samantha brach auf dem Boden zusammen. Darius trat von ihr weg. Betsy griff hinter sich.

»Ich mache jetzt die Tür auf. Nicht schießen. Alles ist in Ordnung.«

Betsy öffnete die Tür zum Gerichtssaal. Darius setzte sich auf den Tisch, die Hände im Schoß gefaltet. Zuerst kamen zwei bewaffnete Polizisten herein. Einem von ihnen gab Betsy die Waffe, der andere legte Samantha Handschellen an. Betsy brach auf einem der Stühle zusammen. Weitere Polizisten kamen von der Halle her herein. In kürzester Zeit war das Geschworenenzimmer voller Menschen. Zwei Beamte hoben Samantha vom Boden auf und setzten sie auf einen Stuhl, der Betsy gegenüber stand. Sie schnappte immer noch nach Luft. Alan Page setzte sich neben Betsy.

»Sind Sie in Ordnung?« fragte er.

Betsy nickte automatisch. Ihre Aufmerksamkeit galt Samantha.

»Samantha, wo ist Kathy?«

Samantha hob langsam den Kopf. »Kathy ist tot.«

Betsy wurde bleich, ihre Lippen zitterten im verzweifelten Bemühen, nicht die Fassung zu verlieren. Samantha blickte zu Alan Page.

»Wenn Sie nicht genau das machen, was ich sage.«

»Ich höre.«

»Ich will das, was Peter Lake bekommen hat. Ich will Straffreiheit für alles, was ich getan habe. Der Polizeibeamte im Korridor, die Frauen, die Entführungen. Ich will, dass mir der Bundesstaatsanwalt Straffreiheit zusichert. Ich will, dass der Gouverneur hier persönlich erscheint. Wir nehmen die Unterzeichnung auf Video auf. Ich gehe frei aus, genau wie Peter Lake. Völlige Freiheit.«

»Wenn Sie ihre Straffreiheit haben, werden Sie uns dann sagen, wo Sie Kathy Tanenbaum gefangen halten?«

Samantha nickte. »Und Nancy Gordon.«

»Sie lebt?« fragte Page.

»Natürlich. Nancy war die einzige, die Martin auf der Spur geblieben ist. Sie war die einzige, die mir geglaubt hat. Sie würde ich nicht töten. Und da ist noch etwas.«

»Ich höre.«

»Ich kann Ihnen den Beweis liefern, mit dem Sie Martin Darius wegen Mordes verurteilen können.«

Darius saß bewegungslos am anderen Ende des Tisches.

»Was für ein Beweis soll das sein?« fragte Page.

Samantha drehte sich zu Darius und lächelte.

»Du hast geglaubt, du hättest gewonnen, Martin. Du hast geglaubt, niemand wurde mir glauben. Die Geschworenen werden einer verrückten Frau glauben, wenn sie einen Beweis für ihre Aussage hat. Wenn sie Fotografien hat.«

Darius rutschte etwas auf seinem Stuhl nach vorn.

»Fotografien von was?« erkundigte sich Page.

Samantha sprach zu Page, doch ihre Augen blieben auf Darius gerichtet.

»Er hat eine Maske getragen, eine Ledermaske. Wir mussten auch Masken tragen, Ledermasken über unseren Augen. Aber einmal, einen kurzen Moment lang, sah ich sein Gesicht. Nur einen Augenblick, aber lang genug. Letzten Sommer hat mir ein Privatdetektiv namens Samuel Oberhurst Bilder von Martin gezeigt. Als ich die Bilder sah, wusste ich, dass er es ist. Da war der Vollbart, das dunkle Haar, er war älter geworden, aber ich erkannte ihn. Ich flog nach Portland und verfolgte Martin. Ich bin ihm überallhin gefolgt und habe ein Fotoalbum von dem angelegt, was ich gesehen habe.

In der Woche, in der ich ankam, gab Martin eine Feier zur Eröffnung eines neuen Einkaufszentrums. Ich mischte mich unter die Gäste und wählte einige Frauen aus, die ich als Beweise gegen Martin verwenden wollte. Eine davon war seine Geliebte, Victoria Miller. Ich schickte ein Bild, auf dem zu sehen ist, wie Martin das Hacienda Motel verließ, an Nancy Gordon, um sie nach Portland zu kriegen.

Am Abend, nachdem ich Victoria in meine Gewalt gebracht hatte, folgte ich Martin. Er fuhr aufs Land zu Oberhursts Haus. Ich habe Stunden dort zugebracht, während Martin Oberhurst folterte. Als Martin die Leiche zum Baugelände brachte, war ich da und habe Fotos gemacht. Die meisten sind nichts geworden, weil es dunkel war und stark geregnet hat, aber es gibt eine hervorragende Aufnahme, wie Martin die Leiche aus seinem Kofferraum holt. Die Kofferraumlampe beleuchtet alles.«

Page schaute Darius über den Tisch hinweg an. Darius hielt seinem Blick ausdruckslos stand. Page wandte sich wieder zu Samantha.

»Sie bekommen Straffreiheit. Wir gehen in mein Büro. Es wird etwas dauern, bis alles soweit ist. Werden Kathy und Nancy Gordon so lange durchhalten.«

Samantha nickte und lächelte dann Betsy an.

»Sie müssen sich keine Sorgen machen. Dass sie verhungern könnte, war gelogen. Bevor ich hierher gekommen bin, habe ich ihr etwas zu essen gegeben und sie schlafen gelegt. Ich gab ihr auch das Stofftier und habe mich vergewissert, dass sie es warm und gemütlich hat. Ich mag Sie, Betsy. Sie wissen, dass ich Ihnen nicht weh getan hätte, wenn es nicht notwendig gewesen wäre.«

Page wollte gerade zwei Beamte anweisen, Samantha in sein Büro zu bringen, als Ross Barrow in den Raum schoss.

»Wir wissen, wo das Mädchen ist. Sie ist unversehrt. Mrs. Tanenbaums Privatdetektiv hat sie in der Gegend von Washington County gefunden.«

3

Die Frau, die von den Sanitätern aus dem dunklen Keller getragen wurde, hatte keine Ähnlichkeit mehr mit der athletischen Frau, die Alan Page von Hunters Point erzählt hatte. Nancy Gordons Körper war ausgemergelt, die Wangen eingesunken und das Haar verfilzt. Kathy dagegen sah wie ein Engel aus. Als Stewart sie fand, schlief sie unter der Einwirkung eines Mittels auf dem Schlafsack liegend, Oliver im Arm. Die Ärzte erlaubten Betsy, Kathys Stirn zu streicheln, ihr einen Kuss zu geben, und brachten das Mädchen dann ins Krankenhaus.

Im Wohnzimmer des Hauses hörte Ross Barrow der Aussage des aufgeregten Reggie Stewart zu, während Randy Highsmith sich Fotografien von Martin Darius ansah, die bei der Durchsuchung gefunden worden waren. Auf einem der Bilder sah man deutlich, wie Darius im Licht der Kofferraumbeleuchtung die Leiche von Samuel Oberhurst aus dem Kofferraum seines BMW hob.

Alan Page trat auf die Veranda hinaus. Betsy stand am Geländer. Es war kalt, wie Page an ihrem Atem, der kleine Wölkchen bildete, sehen konnte.

»Geht es Ihnen jetzt besser, nachdem Kathy in Sicherheit ist?« fragte Page.

»Die Arzte meinen, dass Kathy körperlich ganz gesund ist, aber ich mache mir Sorgen um die psychischen Schäden. Sie muss ganz verängstigt sein. Ich habe Angst vor dem, was Samantha Reardon tun wird, wenn sie jemals wieder freikommt.«

»Darüber brauchen Sie sich keine Sorgen zu machen. Sie wird ihr Leben lang hinter Gittern bleiben.“

»Wie können Sie so sicher sein?«

»Ich werde sie zivilrechtlich verurteilen lassen. Ich hätte das auch getan, wenn ich ihr hätte Straffreiheit gewähren müssen. Dieses Abkommen hätte sie nicht davor bewahrt, in eine psychiatrische Anstalt eingewiesen zu werden, weil sie verrückt und gefährlich ist. Samantha Reardon hat eine Krankengeschichte und Beurteilungen von Krankenhäusern. Ich habe mit den Leuten am Staatskrankenhaus gesprochen. Natürlich wird eine Untersuchung stattfinden. Sie wird einen Anwalt bekommen. Bestimmt gibt es da ein paar Klippen. Aber das Endergebnis bleibt das gleiche: Samantha Reardon ist krank und wird nie wieder auf die Menschheit losgelassen.«

»Und Darius?«

»Ich streiche alle Anklagepunkte bis auf den Mord an Mister X. Mit dem Bild von ihm mit der Leiche von Oberhurst im Zusammenhang mit der Sache in Hunters Point, denke ich, dass er zum Tode verurteilt wird.«

Betsy starrte auf den Vorgarten. Die Krankenwagen waren weg, aber es standen immer noch ein paar Polizeifahrzeuge herum. Betsy schlang die Arme um sich und zitterte.

»Etwas in mir kann nicht glauben, dass Sie Darius kriegen. Samantha Reardon schwört, dass er der Teufel ist. Vielleicht ist er es.«

»Selbst der Teufel brauchte einen guten Anwalt, mit dem, was wir in der Sache jetzt in der Hand haben.«

»Darius wird die Besten haben, AI. Er hat genug Geld, um jeden anzuheuern.«

»Nicht jeden«, gab Page zurück und sah sie an, »und nicht den Besten.«

Betsy errötete.

»Es ist zu kalt, um hier draußen herumzustehen«, bemerkte Page. »Soll ich Sie ins Krankenhaus fahren?«

Betsy folgte Page die Veranda hinunter. Page hielt ihr die Wagentür auf, und sie stieg ein. Er ließ den Motor an, während Betsy noch einmal zu Kathys Gefängnis zurückblickte. Ein so schöner Ort. Wenn man ihn betrachtete, kam man nie darauf, was sich im Keller abgespielt hatte. Bei Samantha Reardon hätte das auch niemand vermutet. Oder bei Darius. Die wirklichen Monster sahen nicht wie Monster aus, und sie liefen frei herum.

Epilog

An einem schwülen Sommermorgen um halb zwölf legte Raymond Francis Colby seine linke Hand auf die Bibel, die von dem Obergerichtsdiener des Supreme Court der Vereinigten Staaten gehalten wurde. Er hob seine rechte Hand und wiederholte den Schwur, den die Richterin Laura Healy ihm vorsprach.

»Ich, Raymond Francis Colby, versichere feierlich, dass ich das Gesetz ohne Ansehen der Person anwenden werde, gleiches Recht für Reiche und Arme sprechen werde und dass ich gewissenhaft und unparteiisch alle Pflichten erfüllen werde, die sich aus meiner Stellung als Höchster Richter des Supreme Court der Vereinigten Staaten von Amerika ergeben werden, gemäß der Verfassung und den geschriebenen Gesetzen der Vereinigten Staaten von Amerika. So wahr mir Gott helfe.«

»Ist sie auch ein Richter, Mama?« fragte Kathy Tanenbaum.

»Ja«, flüsterte Betsy.

Kathy drehte der Zeremonie den Rücken zu. Sie trug ein neues blaues Kleid, das ihr Betsy extra für die Reise nach Washington gekauft hatte. Ihr Haar roch nach Blumen und Sonne, wie nur das frisch gewaschene Haar eines kleinen Mädchens riechen kann. Niemand, der Kathy sah, konnte die Leiden erahnen, die sie durchgemacht hatte.

Die Einladung zu Colbys Vereidigung war eine Woche, nachdem der Senat ihn bestätigt hatte, eingetroffen. Die Straffreiheit für Lake war wochenlang die wichtigste Meldung im ganzen Land gewesen. Es gab Spekulationen, dass Colby darüber, dass er den Rosenmörder hatte davonkommen lassen, zu Fall käme. Dann dankte Gloria Escalante Colby öffentlich, dass er ihr Leben gerettet hatte, und Alan Page lobte des Senators Mut, diese Sache publik zu machen, obwohl er noch nicht bestätigt war. Die endgültige Abstimmung für die Bestätigung zeigte größere Zustimmung als erwartet.

»Ich denke, er wird ein guter Richter sein«, meinte Alan Page, als sie den Gerichtssaal verließen und zum Konferenzraum gingen, wo der Empfang für die Richter und ihre Gäste stattfand.

»Mir liegt Colbys politische Einstellung nicht«, gab Betsy zurück, »aber ich mag den Mann.«

»Was ist mit seiner Einstellung nicht in Ordnung?« wollte Page wissen. Betsy lächelte.

An einem Ende des Raumes war ein Büffet aufgebaut. Durch die hohen Glastüren kam man auf einen Hof mit einem Springbrunnen. Betsy machte für Kathy einen Teller mit Leckerbissen zurecht. Nahe des Springbrunnens fand sie einen Stuhl, auf den sie sich setzen konnte. Dann ging Betsy noch mal hinein, um sich selbst etwas zu essen zu holen.

»Sie sieht wunderbar aus«, bemerkte Page.

»Kathy ist nicht unterzukriegen«, gab Betsy stolz zurück. »Außerdem kam die Vereidigung genau zum richtigen Zeitpunkt. Kathys Therapeutin meinte, ein Tapetenwechsel täte ihr gut. Und auf der Rückreise schauen wir noch in Disneyland vorbei. Seit ich ihr das gesagt habe, schwebt sie auf Wolke sieben.«

»Gut. Kathy ist glücklich. Und Sie auch, Betsy.«

Betsy nahm sich etwas kalten Braten und frische Früchte auf den Teller und folgte Page auf den Hof hinaus.

»Wie geht es mit Darius?« fragte Betsy.

»Machen Sie sich keine Sorgen. Oscar Montayo wirbelt viel Staub auf wegen der Straffreiheitszusicherung, aber wir werden die Beweise vorlegen.«

»Wie ist Ihre Theorie?«

»Wir glauben, Oberhurst hat Darius mit den Morden in Hunters Point erpresst.«

»Wenn Sie kein Todesurteil erreichen, Alan, dann müssen Sie Ihr ganzes Leben lang auf der Hut sein. Sie haben keine Vorstellung, was Darius für ein Mensch ist.«

»Doch, ich glaube schon«, antwortete Alan selbstgefällig.

»Nein, das haben Sie nicht. Sie glauben es nur. Ich weiß Dinge von ihm, die er mir unter der Schweigepflicht gesagt hat, die Sie überzeugen würden. Glauben Sie mir, Martin Darius darf nie wieder aus dem Gefängnis kommen! Niemals!«

»In Ordnung, Betsy. Beruhigen Sie sich! Ich werde ihn nicht unterschätzen.“

Betsy war so erregt, dass sie Colby erst bemerkte, als er sie ansprach. Wayne Turner stand neben dem neuen Höchsten Richter.

»Es freut mich, dass Sie gekommen sind«, sagte er zu Betsy.

»Ihre Einladung hat mir geschmeichelt.«

»Sie sind Alan Page?« fragte Colby.

»Ja, Sir.«

»Für Sie und Betsy werde ich immer Ray sein. Sie haben keine Vorstellung, wie sehr mir Ihre Aussage bei meiner Bestätigung geholfen hat. Ich hoffe, Sie kommen zu der Feier, die ich heute Abend bei mir zu Hause veranstalte. Da haben wir Gelegenheit, uns zu unterhalten. Ich möchte Sie beide besser kennenlernen.«

Colby und Turner gingen davon, und Betsy führte Page in den Hof, wo sie auf Kathy trafen, die mit einer Frau auf Krücken sprach.

»Nancy«, sagte Page. »Ich wusste gar nicht, dass Sie auch hier sind.«

»Ich werde doch nicht die Vereidigung des Senators verpassen«, antwortete sie mit einem Lächeln.

»Kennen Sie Betsy Tanenbaum schon? Kathys Mutter?«

»Nein«, gab Nancy Gordon zurück und streckte die Hand aus. »Es freut mich. Sie haben ein mutiges Kind«, fügte sie hinzu und strich Kathy durch das Haar.

»Ich bin so froh, Sie zu treffen«, erklärte Betsy. »Ich wollte Sie im Krankenhaus besuchen, aber die Ärzte ließen mich nicht zu Ihnen. Dann sind Sie nach Hunters Point zurückgeflogen. Haben Sie meine Nachricht bekommen?«

»Ja. Tut mir leid, dass ich nicht geantwortet habe. Ich war immer schon sehr schreibfaul. Kathy hat mir gesagt, dass sie nach Disneyland gehen. Da bin ich richtig neidisch.«

»Du kannst auch mitkommen«, meinte Kathy.

Nancy lachte. »Das würde ich gerne, aber ich muss arbeiten. Schreibst du mir und erzählst mir alles von deiner Reise?«

»Sicher«, bestätigte Kathy ganz ernst »Mama, kann ich noch Kuchen haben?«

»Natürlich. Alan, zeigen Sie Kathy, wo der Kuchen ist?“

Alan und Kathy verschwanden, und Betsy setzte sich neben Nancy.

»Kathy sieht gut aus«, meinte Nancy. »Wie geht es ihr?«

»Die Ärzte meinen, körperlich ist alles okay, und die Therapeutin meint, dass sie auch seelisch in Ordnung kommt.«

»Das freut mich zu hören. Ich habe mir Sorgen um sie gemacht. Samantha Reardon hat sie zwar die meiste Zeit ziemlich gut behandelt, doch es gab auch ein paar schlimme Augenblicke.«

»Kathy hat mir berichtet, wie Sie sie aufgemuntert haben. Die Therapeutin meint, dass Ihre Anwesenheit dort Kathy viel geholfen hat.«

Nancy lächelte. »In Wahrheit hat Kathy mich aufgemuntert. Sie ist ein tapferes kleines Mädchen.«

»Wie fühlen Sie sich?«

»Jeden Tag besser. Ich kann gar nicht erwarten, endlich diese Dinger loszuwerden«, sagte Nancy und deutete auf die Krücken. Dann brach ihr Lächeln ab. »Sie sind die Anwältin von Martin Darius, stimmt das?«

»War. Jetzt vertritt ihn Oscar Montoya.«

»Wie das?«

»Nachdem ich mit Senator Colby gesprochen und erfahren hatte, was er den Frauen in Hunters Point angetan hatte, wollte ich ihn nicht mehr als Klienten haben, und er wollte mich nicht mehr als Anwalt, als er wusste, dass ich Samantha Reardon geholfen hatte, an ihn heranzukommen.«

»Was wird mit Darius passieren?«

»Er hat Oberhurst gefoltert. Ich habe die Autopsiebilder gesehen, da hat sich mir der Magen umgedreht. Alan Page rechnet sicher mit der Todesstrafe, wenn die Geschworenen die Bilder sehen.«

»Was glauben Sie?«

Betsy erinnerte sich an den selbstsicheren Ausdruck auf Alans Gesicht, als er über die Verurteilung von Darius gesprochen hatte, und ihr wurde etwas mulmig.

»Ich bin mir nicht so sicher wie Alan. Er kennt Martin nicht so gut wie wir beide.“

»Mit Ausnahme von Gloria Escalante und Samantha Reardon kennt keiner Darius so gut wie wir.«

Darius hatte zu Betsy gesagt: »Das Experiment hat mir unwahrscheinliches Vergnügen bereitet«, als er sein Reich der Schrecken beschrieb. Es gab kein Anzeichen der Reue oder des Mitgefühls für die Leiden seiner Opfer. Betsy wusste, dass Darius sein Experiment wiederholen würde, wenn er glaubte, es ungestraft tun zu können. Sie fragte sich, ob Darius irgendwelche Pläne gegen sie schmiedete, da er ja wusste, dass sie ihn betrogen hatte.

»Sie machen sich Sorgen, dass er davonkommen könnte, stimmt's?« fragte Nancy.

»Ja.«

»Sie sorgen sich, was er Ihnen und Kathy antun könnte?«

Betsy nickte. Nancy schaute ihr in die Augen.

»Senator Colby hat Beziehungen zum FBI. Sie behalten die Sache im Auge, besonders Darius. Sie werden mich verständigen, wenn auch nur die geringste Möglichkeit besteht, dass Darius aus dem Gefängnis kommt.«

»Wenn das passiert, was würden Sie tun?« wollte Betsy wissen.

Nancys Stimme klang leise, aber fest, als sie zu sprechen begann. Betsy wusste, dass sie auf alles vertrauen konnte, was Nancy versprach.

»Sie brauchen sich über Martin Darius keine Sorgen zu machen, Betsy. Er wird Ihnen und Kathy nichts antun. Wenn Darius nur einen Fuß aus dem Gefängnis setzt, dann werde ich dafür sorgen, dass er niemandem mehr weh tut.«

Kathy kam mit einem Teller voller Kuchen an.

»Alan hat gesagt, ich dürfte mir so viel nehmen, wie ich will«, erzählte sie Betsy.

»Alan ist so schlimm wie die Oma«, entgegnete Betsy ihr.

»Lassen Sie dem Kind mal seinen Willen«, lachte Page und setzte sich neben Betsy. Dann fragte er sie: »Haben Sie jemals davon geträumt, hier einen Prozess zu führen?«

»Jeder Anwalt träumt davon.“

»Was ist mit dir, Kathy?« fragte Page. »Möchtest du als Anwalt hierherkommen und deinen Fall vor dem Supreme Court der Vereinigten Staaten von Amerika vortragen?«

Kathy blickte zu Nancy. Ihr kleines Gesicht war ganz ernst.

»Ich möchte kein Anwalt werden«, gab sie zurück. »Ich möchte Polizistin werden.«

 

Auf ewig unvergessen
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